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AirtecKai  (D 13788)

Feb 10, 2005, 1:15 PM

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Re: [grosfion] Sicherheit und EPs

 

Es gibt verschiedene Meinungen und Lehrmethoden wie mit einer solchen Störung umgegangen werden soll. Dies soll auf keinen Fall eine Infragestellung von Lehrmethoden oder Kritik an der einen oder anderen Methode sein. In unserem Sport gibt es zwar für die allermeisten Situationen Standardverfahren, aber nichts ist immer garantiert.

Verfahren 1: Totalversager (TV) > sofort Reserve ziehen

Begründungen dafür :
In der Vergangenheit (bevor AAD's verbreitet waren) gab es regelmäßig Tote, weil nach einem TV nur das Trennkissen gezogen wurde, der Reservegriff nicht mehr oder zu spät.
Der Grund hier für war eine Blockade der Springer in einer Extremsituation.
Je seltener eine Situation ist, umso gefährlicher. Nach dem Erkennen der Situation ist das Gehirn nur noch zu einem Bruchteil aufnahme – und handlungsfähig, nur eingedrillte Verfahren funktionieren noch. Dieses Schema ist nicht bei allen Springern gleich ausgeprägt, und hängt auch stark von der Situation ab. Ein TV ist die unangenehmste und kritischste Situation, da am wenigsten Zeit vorhanden ist, plus zusätzlicher anderer Einflüsse ( keinerlei Geschwindigkeitsminderung, Windgeräusch bleibt, Boden kommt näher).
Das Verfahren "sofort Reserve ziehen" beinhaltet einen Handgriff und beendet diese bedrohliche Situation schnell. Nach dem einen Handgriff ist schnell eine Wirkung zu spüren ( wenn alles glatt gegangen ist). Wenn jedoch zuerst das Trennkissen gezogen wird, wird zwar ein kompletter Handlungs – und Bewegungsablauf durchgeführt ( fühlen/sehen, greifen, rausschälen, ziehen), aber die bedrohliche Situation bleibt unverändert bestehen. Hier steigt das Gehirn des Springers oft aus, weil es bis dato (in den meisten Fällen) noch nie in solch einer Situation gewesen ist. Immerhin wurden schon ZWEI Griffe OHNE Wirkung betätigt (zuerst Handdeploy, dann Trennkissen) Das entscheidende Ziehen des dritten Griffs , der Reserve , bleibt aus, weil das Gehirn für einen kurzen Zeitraum zu keiner Handlung mehr fähig bzw. blockiert ist.
Das "Sofort Reserve ziehen" Verfahren ist schneller und einfacher wenn ein sicherer ! Totalversager vorliegt. PS: In den 80ern bis Anfang der 90er Jahre gab es keine oder kaum kollabierende Hilfschirme. Die Chance das es sich um einen "echten" Versager und nicht um einen ungespannten Hilfschirm handelte, war ungleich höher als heute. Die Entscheidung war klarer zu treffen.

Einwände:
Es müssen 2 verschiedene Notverfahren gelehrt, verstanden und trainiert werden.
Bei einer Störung muß die Situation unter schlechten Bedingungen genau beurteilt werden:
ist es wirklich ein TV, oder eine Öffnungsverzögerung?
Bei Fehlbeurteilung der Situation großes Risiko.
Der Reservegriff muß von den allermeisten Springern im Freifall erst lokalisiert werden. Dazu wird die Körperhaltung verändert. Wenn es doch eine Öffnungsverzögerung ist, wird diese dadurch eventuell beseitigt und die Hauptschirmöffnung beginnt zeitgleich mit der Reserveöffnung.

Verfahren 2 : Totalversager (TV) > erst abtrennen, dann Reserve ziehen :

Begründungen dafür :
Nur ein Notverfahren für alle Störungen. Es muß nur 1 Notverfahren gelehrt, verstanden und trainiert werden.
Wahrscheinlich höherer Schutz vor Verwicklungen wenn es doch nur eine Verzögerung war – aber auf keinen Fall eine Garantie!
Mehr Sicherheit, das es wirklich ein TV ist:
Das Trennkissen muß von den allermeisten Springern im Freifall erst lokalisiert werden. Dazu wird die Körperhaltung verändert. Wenn es eine Öffnungsverzögerung ist, wird diese dadurch eventuell beseitigt und die Hauptschirmöffnung beginnt doch noch.
In vielen Fällen setzte die Hauptschirmöffnung durch die Änderung der Körperhaltung ein, bevor das Trennkissen überhaupt gezogen war.

Einwände:
Längeres und komplexeres Verfahren, Chance für unvollständiges Procedere größer ( siehe oben)
Verlust von wertvoller Höhe und Zeit (wenn die Störung wirklich ein TV ist)

Soviel zu den verschiedenen Verfahren.
Ich bevorzuge das Zweite. Es verzeiht mehr Fehler.

Ausnahmen bestätigen die Regel, zum Beispiel eine ausgekugelte rechte Schulter oder wenn die Höhe schlicht und einfach verpennt wurde. Da würde ein Beharren auf das Abtrennen keinen Sinn machen.

Ebenfalls zu bedenken ist ob ein ein – oder beidhäniges Abtrennen und Reserveziehen trainiert wurde.
Viel eindeutiger und unstrittiger sind die Maßnahmen zur Vermeidung von Totalversagern:

Training! Ab ins Hängergurtzeug. Gedanklich verschiedene Störungen regelmäßig durchgehen.

Im Falle eines vermeintlichen Totalversagers gründlich schauen, je mehr man sich dafür verbiegt, um so besser. Nach ca.3 Sekunden ist oftmals die Situation schon viel klarer, wenn nicht bereits schon geklärt. Nicht ohne vorher genau zu schauen Griffe ziehen. Wer höher zieht ist klar im Vorteil !

Keine unbekannte Ausrüstung springen, sondern sich vorher gründlich damit vertraut machen.

Bridle nur nach Manual verlegen!

Handdeploy nicht irgendwie in die Tasche knödeln, sondern nach Manual. Das vermeidet Hard Pulls. Im Zweifel Manual lesen.
Den Zustand des Hilfsschirms und der Bridle regelmäßig kontrollieren, besonders bei
retractable pilotchutes. Die Kill Leine verkürzt sich mit der Zeit.
Zur Prüfung spannt man den Hilfsschirm und kontrolliert ob die Kill - Leine noch etwas länger als die Domleine des Hilfsschirms ist. Ist die Kill - Leine bereits kürzer, ist der Hilfsschirm immer schon etwas kollabiert. Dies verursacht schlechte Öffnungen mit Verdrehungen, und kann auch irgendwann zur satten Öffnungsverzögerung führen, die dann eventuell mit einem Totalversager verwechselt wird.

Keine Bauteile austauschen wenn man nicht die dafür erforderliche Qualifikation hat.
Eine zu kurze Bridle kann z.B. erhebliche Verzögerungen oder Versager produzieren.

Nur kompatible Schirm / Gurtzeug Kombinationen springen. Nicht den 170er in einen Container quetschen der für einen 135er gebaut wurde.
Das mag oft gut gehen, aber in Kombination mit einem weiteren Faktor wahrscheinlich nicht.

Jeder lizensierte Springer muß sich über sich selbst und über seine Ausrüstung im Klaren sein BEVOR er das Flugzeug verläßt.

Glück ab,

Kai


(This post was edited by AirtecKai on Feb 10, 2005, 1:44 PM)


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